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Der Doktor Lessing

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Der Doktor Lessing
written by Thomas Mann
1910



Description

Antwort auf eine Polemik von Theodor Lessing

From date (and earlier):

1910(1910)

Source

Theodor Lessing: Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz, S. 28–33

Author

Thomas Mann

Permission
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[28]

Der Doktor Lessing

von

Thomas Mann.

Ein Pamphlet.

Wiederabdruck aus Nr. 11 des Literar. Echo vom 1. März 1910.1


Nummer 3 der Wochenschrift „Die Schaubühne“ brachte unter dem Titel: Samuel zieht die Bilanz, einen Theodor Lessing gezeichneten Artikel, dessen empörende Unart nicht scharf genug gerügt werden kann. In formaler Hinsicht der stümpernde Versuch einer Heine-Imitation, sucht der Artikel die Tätigkeit eines ernsten Schriftstellers, des Weimarer Kritikers und Dramatikers Samuel Lublinski, auf eine Weise zu diskreditieren, für die das Wort unsachlich Beschönigung wäre. Charakterisierungsmittel, die man einem Dämon an Bosheit und Sprachkunst mit widerwilligem Entzücken verzeiht, handhabt Herr Lessing mit einer Dreistigkeit, die zu seinem schriftstellerischen Vermögen im unleidlichsten Mißverhältnis steht, und wenn man über seine Talentlosigkeit mit Bedauern hinweggehen könnte, so fordert seine Unverschämtheit auch den Unbeteiligten zu öffentlichem Widerspruch heraus.

Herr Lessing erklärt, daß er die Schriften, die den Gegenstand seines Machwerks bilden oder hätten bilden sollen, Lublinski’s kritische Bücher, Die Bilanz der Moderne, und Der Ausgang der Moderne, nicht etwa gelesen, sondern nur beim Buchhändler ein bischen darin geblättert habe, – erklärt es mit Selbstgefälligkeit. Er gehört zu jenem heute weit verbreiteten Schlage von Literaten, welche Wert und Würde der Literatur nach ihrer eigenen – freilich unachtbaren – Person beurteilen und denen darum der Ehrenname des Literaten zum Schimpfwort geworden ist, das sie einander in den Journalen nachrufen und das keiner auf [29]K sich sitzen lassen will. So bedeutet uns Herr Lessing – oder „der Doktor Lessing“, wie er sich in seinem Artikel nennt oder nennen läßt –, daß er für Literatur nur wenig Interesse habe und seit einigen Jahren sich nur mit Abelschen Funktionen und mit den Kegelschnitten xter Ordnung beschäftige, wovor die Dichter schreckliche Angst hätten. Der Dichter freilich, der zufällig Gelegenheit hat, auch nur dies Renommierpröbchen Dr. Lessingscher Fachgelehrsamkeit auf seine Solidität zu prüfen2, wird kaum noch hoffen können, daß die Wissenschaft mehr an Herrn Lessing gewonnen hat, als die schöne Literatur an ihm verlor. Sollte trotzdem, wie wir wünschen, seinem großen Namen dereinst in jedem Lehrbuch der hohen Mathematik ein Ehrenplatz angewiesen werden, so steht vorläufig fest, daß man, beim Buchhändler in Lublinski’s literaturkritischen Schriften blätternd, den Namen Theodor Lessing nicht findet – eine Tatsache, die jeder beurteilen und zu seiner Orientierung verwenden mag, wie es ihm beliebt.

Wenn es Herrn Lessing aber an Sachkenntnis fehlt, so fehlt es ihm, wie er sich und uns in begreiflicher Ueberschätzung seiner seelischen Sehkraft bereden möchte, desto weniger an der Kenntnis des Menschen Lublinski, dem er im Lauf der Jahrzehnte ein paarmal begegnet, und so bildet denn sein Artikel von Anfang bis zu Ende eine Verhöhnung der bürgerlichen Person des Mannes, – ein verleumderisches Zerrbild, wie es roher und insipider unmöglich zu denken ist. Da wird uns eine kleine, kuglige Gestalt, ein gestikulierendes, purzelndes Etwas auf kurzen, fahrigen Beinchen sichtbar zu machen gesucht, ein fettiges Synagöglein, das sein schwammiges Bäuchlein wie die Apsis weit in die Außenwelt hineinstreckt, ein Männlein, das nicht sieht, nicht hört, nicht schmeckt, nicht riecht, sondern nur redet und schreiben, ein Gebürtchen, das sich gar naiv ins Zimmer mauschelt, mit den Beinchen mauschelt, mit den Aermchen mauschelt, Wortwürmlein nach rechts und links fallen läßt, und dessen Wiege zu Pinne in Posen oder zu Johannisburg gestanden habe, – Herr Lessing wisse das nicht so genau. Dies knixende, watschelnde, trippelnde und immer wieder mauschelnde Gebürtchen oder Talmudgebürtchen mit hypertrophisch entarteten Schreib- und Redezentren, das sein liebes Väterchen an einem schönen Schabbes aus Versehen statt eines rabbinischen [30] Traktätchens erzeugt habe, und das von seinem Schwesterlein gepäppelt, an den hohen Feiertagen wohl auch einmal gewaschen werde, es käut, speit und kollert Literatur; es gibt ein Literaturfontänchen, Spruchbänder von sich mit Symbolismus, Neuromantik, Idealismus mit Differenziert, eigene Note und Persönlichkeit, mit Erdscholle, Wurzelständigkeit und Lokalkolorit; es schnüffelt nach literarischen Gelegenheiten, an denen es sein Wasser abschlagen könne, es hebt das literarische Beinchen, um Ibsen den Magus aus Norden und Bismark die Eiche im Sachsenwald zu nennen, es mauschelt dem würdevollen Herrn Lessing, den solche Laute natürlich im Tiefsten befremden müssen, beständig vor, was für Dramen es zu schreiben gedenke, und wie übrigens die meisten Dichter, die Herr Lessing kennen gelernt hat (ich gratuliere!), beginnt dies krasse Produkt seiner Gestaltungskraft auf das leiseste Stichwort hin sofort von den Perioden seiner Entwicklung zu faseln. So geht es mit läppischen Diminutiven, mit heinelnden gar sehr, gar wohl, gar gern, mit stumpfsinnig-unermüdlichen Wiederholungen des Wortes mauscheln acht Seiten lang fort. Am Ende erscheint die mißratene maurische Synagoge Herrn Lessing im Traum, teilt sich in viele kleine mauschelnde Mißgeburten, die nicht sehen, nicht hören und nicht riechen können, sondern Herrn Lessing sehr euphemistisch einen Nachzügler der Neuromantik heißen und ihm, vollkommen mit Recht, die Existenzberechtigung absprechen, worauf er sie ernstlich ermahnt, doch endlich seine philosophischen Werke zu lesen. Das Ganze aber, gibt Herr Lessing uns zu verstehen, sei erstens das Porträt des Herrn Samuel Lublinski und bedeute darüber hinaus den schreibenden Typus, den Herr Lessing den „espritjüdischen“ nenne.

Man errät, daß all dies gar gern für witzige boshaft, grotesk, für diabolisch und visionär gelten möchte, manch übelduftend lyrisches Detail des Artikels läßt keinen Zweifel an den dichterischen Ambitionen des Urhebers. Es ist aber das Ganze so schlecht, so dumm, so falsch gesehen, so liederlich-willkürlich, es hat mit Lublinski’s menschlicher und schriftstellerischer Persönlichkeit so durchaus garnichts zu schaffen, daß man nicht weiß, ob man mehr über die bildnerische Ohnmacht oder über die bodenlose Unfeinheit des Winkelpamphlets erstaunen soll.

2.

Auch ich bin mit dem Verfasser des Ausgangs der Moderne das eine und andere Mal zusammengetroffen, und [31]K meine Eindrücke weichen von denen des Herrn Lessing wesentlich ab. Ich sah den Mann seiner Werke: einen ernsten, ja starren und nicht ohne Mißtrauen auf seine Würde bedachten Menschen, der sich die Zunge verbisse, ehe er das ranzige Geschwätz, das Herr Lessing ihm zulügt, über seine Lippen brächte, – es wirkte auf mich eine wenig glückliche, wenig musisch-graziöse, theoretisch befangene und überstrenge, aber unbestechlich auf das Rechte und Große gerichtete Natur, deren bisherige Lebensleistung diejenige ihres Verunglimpfers ganz unvergleichlich überragt. Lublinski’s Analyse der zeitgenössischen Literatur mag manchem freudlos und bitter erschienen sein, – mich hat sie nicht abgestoßen. Nichts, habe ich immer gefunden, – nichts von brennenderem Interesse, nichts fruchtbarer und stimulierender zu guterletzt, als die Kritik der Modernität. Es fehlt in Deutschland an Psychologie, an Erkenntnis, an Reizbarkeit, Gehässigkeit der Erkenntnis, es fehlt an kritischer Leidenschaft.... Der Kampf gegen die Zeit und gegen das, was sie im Triumphe emporhebt, braucht nicht notwendig aus persönlicher Verbitterung hervorzugehen. Große Beispiele lehren, daß er dem Willen zur Selbsterkenntnis, zur Selbstüberwindung entspringen und die Selbsterkenntnis der Zeit, ihre Selbstüberwindung fördern kann. Auch braucht sich von einer Polemik, welche gegen die Zeit gerichtet ist, der Einzelne nicht getroffen zu fühlen: Im Gegenteil, es ist auszeichnend, von einem Richter der Zeit als symptomatisch, als repräsentativ besonders aufs Korn genommen zu werden, und in Lublinski’s Hofmannsthal-Polemik zum Beispiel, die ärgern könnte, findet sich manches heiße Wort, welches darauf hindeutet, daß er den Reiz dieser modernen Persönlichkeit vielleicht leidenschaftlicher empfunden hat, als mancher Bewunderer. – Mich freilich hat er, mit Maßen, gelobt, und darum nehme ich ihn in Schutz? Nein, nicht so. Nicht, weil er mich gelobt hat, sondern weil er mich gescheit gelobt hat, trete ich für ihn ein, und weil ich, durch gescheites Lob so wenig wie durch gescheiten Tadel verwöhnt, also aus unmittelbarer Erfahrung weiß, daß er die idiotische Charge nicht ist, die ein niedriges Ressentiment aus ihm machen möchte.

Herr Lublinski ist kein schöner Mann, und er ist Jude. Aber ich kenne auch Herrn Lessing (wer kann für seine Bekanntschaften!) und ich sage nur soviel, daß, wer einen Lichtalben oder das Urbild arischer Männlichkeit [32] in ihm zu sehen angäbe, der Schwärmerei geziehen werden müßte. Im Ernst: Nur der vermag die herausfordernde Unmöglichkeit des Schaubühnenartikels völlig zu würdigen, der zufällig weiß, welch ein Gebürtchen als Autor dahinter steht. Es ist nicht zu sagen, wo überall Herrn Lessings Wiege gestanden haben könnte, gesetzt, daß er eine gehabt hat. Demütigende Lebenserfahrungen, deren man sich selbst ihm gegenüber nicht als Waffe bedienen mag, sollten ihn, was Mangel an körperlichem Liebreiz betrifft, altruistisch gestimmt haben, und der gräßlichen Anekdote, er habe einmal mit anderen Schwabinger Ekstatikern beiderlei Geschlechts ganz nackend ein Feuer umtanzt, kann ich mich nicht ohne schwere Gefährdung meines Wohlbefindens erinnern. Wer im Glashause sitzt, lehrt das Sprichwort, sollte nicht mit Steinen werfen, und wer sich als Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse durchs Leben duckt, verrät mehr als Unweisheit, verrät schmutzige Selbstverachtung, wenn er sich für Pasquille bezahlen läßt, deren drittes Wort mauscheln lautet. Im Stile des wildgewordenen Provinz-Feuilletons über den espritjüdischen Typus zu satirisieren, steht prächtig dem zu Gesicht, der selber in aller Welt nichts weiter als das schwächste und schäbigste Exemplar dieses in einigen Fällen doch wohl bewunderungswürdigen Typus vorzustellen vermag! Nachdem er als Mediziner, als Schullehrer falliert, als Lyriker, Dramatiker und in jenen von ihm so dringlich empfohlenen philosophischen Werken seine weichliche Unfähigkeit erwiesen, hat unser Held sich in Göttingen als theaterkritischer Volontär, in München als Zionist und Conferencier für Damen versucht; hat, als jedermann so weit war, Kulissenreform getrieben, wird neuerdings, ein alternder Nichtsnutz, vom Polytechnikum zu Hannover als Privatdozent geduldet und gibt dortselbst das Organ des viel belachten Anti-Lärm-Vereins, Das Recht auf Stille, oder „Der Antirüpel“, heraus, – eine Notbeschäftigung, in der ma n ihn sympathisch gewähren lassen könnte, wenn nicht gar zu viel dabei von dem köstlichen Nervensystem des Herrn Lessing die Rede wäre.

Woher aber nimmt dieser benachteiligte Zwerg, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne [33]K bescheint, die Lust, das innere Recht zur Agressivität und zur lyrischen Unverschämtheit? Woher die Selbstgefälligkeit, mit welcher er sein verfehltes Ich einer erstaunten Leserschaft aufzudrängen sucht. Niemand will wissen, in welchem weltverlorenen Häuschen er gewohnt und daß er vor „Herrschaften“ Vortrag über transzendentale Analytik gehalten habe, als Herr Lublinski ihn, fünfzehn Jahre sind’s her, besuchte, – welche Herrschaften stupéfaits über das Talmud-Gebürtchen seiner zweifelhaften Phantasie gewesen seien. Niemanden interessiert es, in welchem Caféhaus er seine Jahre verdüstert, oder daß er, ein prachtvoller Urmünchner, seine Gäste aufzufordern pflegte, ihn halt a bisserl ins Hofbräu zu begleiten. Und man ist stupéfait, um mich so „herrschaftlich“, wie Herr Lessing, auszudrücken, wenn dieser ewig namenlose Schlucker, dem die Trauben der Dichtung zu hoch hängen, von Liliencron sagt, er sei nicht viel dummer gewesen, als zum Ausüben edler Dichtkunst nun einmal nötig ist. Mag er übrigens sein ärmliches Leben fristen, seine Nichtigkeit in Szene setzen, so gut er kann. Da er den Versuch wagte, einem Schriftsteller, dessen bedeutendes Streben Achtung verdient, dessen Wirkung auf die Zeit aber ohnedies durch spröde Eigenschaften gefährdet ist, mit albernen Lügen zu schaden, so galt es, dem Unfug zu steuern.

Ich oder ein anderer: Irgendwer mußte den Schächer strafen. Kein ehrenvolles Geschäft, aber vornehmes Uebersehen ist nicht immer am Platz und macht dem Lumpen das Handwerk zu leicht. Achtete doch selbst Odysseus es nicht für Raub, den häßlichen Schwätzer vor versammeltem Danaervolk, wie ers verdient, zu traktieren.


Anmerkungen (Theodor Lessing)

1. ↑

Ach, Herr Pastor, wüßten Sie, wieviel
Moral dazu gehört, Karikaturen zu zeichnen.
G. E. Lessing

2. ↑Er hat seine liebe Frau gefragt. Kegelschnitte kommen erst in Prima, und der „Dichter“ schied schon aus Sekunda.

Kolumnentitel

a. ↑Lieber Kegelschnitte und Psychologie.

b. ↑Fort! werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!

c. ↑„Lahm schlug Odyß und krumm den Thersit, da lachten die Helden“.

Anmerkungen (Wikilivres)

Der Doktor Lessing ist eine Antwort auf von Thomas Mann auf die Polemik Samuel zieht die Bilanz von Theodor Lessing, die gegen den Literaturkritiker Samuel Lublinski gerichtet war. Lessing antwortete in der Schaubühne mit dem Artikel Wider Thomas Mann, die widerum eine „Antwort“ von Mann nach sich zog. Die Polemik zog weite Kreise, die Lessing schließlich 1910 in seiner Streitschrift Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz Wikisource in zwei Auflagen eigenwillig zusammenfasste.


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