[61] die uns mit Auszeichnungen überhäuften. Der weiße Sultan von Padagoa und sein Bruder und oberster Ratgeber waren eine Zeitlang, etwa in den achtziger Jahren, in aller Munde. Dann vergaß die Welt uns. Meines Bruders Ehe war mit einem Kinde gesegnet, einem Mädchen. Da dieses nach den hiesigen Gebräuchen nicht die Sultanswürde erben konnte, bestimmte die Versammlung der Alten, daß, falls mein Bruder verstürbe, ich sein Erbe werden sollte. – Die Sehnsucht nach der deutschen Heimat – wir sind geborene Berliner – ward mit den Jahren jedoch so übermächtig in uns, daß wir beschlossen, abwechselnd stets ein halbes Jahr in Berlin zu leben. Wir kauften daher die Häuser Laternengasse 19 und Brückengang 6 und begannen nun entsprechend unserem auf alles Außergewöhnliche eingestellten Sinn ein Leben, wie es selten Männer geführt haben. Daß einer von uns stets viele Monate abwesend war, merkte niemand von unseren Berliner Nachbarn. Dazu hausten wir zu zurückgezogen. Ella, meines Bruders Tochter, hielt sich größtenteils hier in Padagoa auf. In Berlin erregte ihre fremdartige Schönheit eine unseren Heimlichkeiten sehr nachteilige Bewunderung. Aus Liebhaberei hatte zuerst ich das Modellieren in Wachs und dann auch das Herstellen von Wachsfiguren betrieben. – So genossen wir unser anregendes Doppelleben fast zwanzig Jahre völlig ungestört. Oft war mein Bruder in der letzten Zeit über ein Jahr und länger von Berlin abwesend und erledigte hier seine nur insofern schwierigen Staatsgeschäfte, als eine kleine Partei der Landeskinder beständig gegen ihn wühlte und einen vornehmen Batta zum Sultan machen wollte. Im Februar dieses Jahres kehrte er dann ganz überraschend mit seiner Tochter nach Berlin zurück: eine unblutige Palastrevolution hatte die beiden von hier vertrieben.“
Der weiße Sultan machte eine kurze Pause, die Harald dazu benutzte, seinerseits nun folgendes hinzuzufügen:
„Hoheit, die wahren Zusammenhänge der Geschehnisse in Berlin habe ich in demselben Augenblick durchschaut, als