[2] „Mein Gott, woher wissen Sie das?!“
„Es stand ja in allen Zeitungen, daß Herr Mendel sich vor acht Tagen eine merkwürdige Vergiftung beim Experimentieren in der Wohnung seiner liebenswürdigen Wirtin, der Frau Sanitätsrat Becker, zugezogen hat und daß bisher kein einziger Arzt ihm hat helfen können. Es soll sich um eine vollständige Lähmung des Körpers, um vollkommene Bewegungslosigkeit der Glieder mit Ausnahme der Augen und der Sprechorgane handeln. Dabei scheint auch Mendels Geist getrübt zu sein, denn er soll wie ein Fieberkranker unaufhörlich allerlei ungereimtes Zeug vor sich hin murmeln und niemand mehr erkennen. – Weiter habe ich diesen medizinisch interessanten Fall in den Zeitungen nicht verfolgt. Jedenfalls war der junge Mendel bei der Askania-Farbenfabrik in Neukölln beschäftigt und Untermieter bei Ihrer Frau Mutter.“
Da kam schon der erste Tränenstrom …
Harst lächelte mir ernst und verstohlen zu und sagte tröstend zu unserer weinenden Klientin:
„Fräulein Becker, vielleicht ist Ihre Teilnahme für Mendel nicht lediglich auf reine Nächstenliebe, sondern … auf … Liebe zurückzuführen. Bitte, seien Sie uns gegenüber ganz offen.“
„Wie gut Sie sind, Harst ..!“ Sie tupfte die Tränlein von den frühlingsfrischen Wangen … „Ja, Herr Harst, – es … stimmt schon … Ernst und ich waren heimlich verlobt … Nicht mal Mutter weiß etwas davon, denn Ernst hatte doch erst zweihundert Mark Gehalt, war ja auch erst fünfundzwanzig Jahre alt und …“
„Ihre Frau Mutter hatte also wohl für Sie eine andere Partie im Auge, Fräulein Tussi?“
„Nein – was Sie alles erraten können!!“
Neuer Tränenstrom …
„Und wer ist dieser andere?“
„Ein Ekel ist’s, Herr Harst ..! Die beiden Vorderzimmer bewohnt er bei uns, und ein Schleicher und Kriecher und …“