[21] vor mir habe, und wie soll ich in diesem Zustand Arbeit finden, wo ich doch nie weiß, mit wem ich rede, wem ich begegne. Ach, Herr Harst, es ist entsetzlich ..! Bedenken Sie: gehe ich über die Straße: alle Menschen sind … ich selbst! Alle! Man hält mich für total verrückt, und ich wage mich kaum mehr aus dem Hause. Der Herr Doktor gibt mir ja monatlich hundert Mark, aber wenn man vier Kinder hat, dann langt’s nicht hin und her. Manchmal bin ich so verzweifelt, daß ich mich am liebsten aufhängen möchte … wirklich!“
„Wie behandelt der Doktor Sie denn – mit Elektrizität?“
„Nein … Ich bekomme alle drei Tage eine Spritze … in den Unterarm. Bisher hat das nichts geholfen – gar nicht …“
„Hatte der Doktor Ihnen denn auch gleich nach Ihrem Unfall etwas eingespritzt?“
„Ja, Herr Harst … Ich sah’s an der roten Stelle am Arm …“
Harald blickte mich an. Die Verdachtsgründe gegen Halden wuchsen lawinenartig an.
„Hören Sie nun genau hin, lieber Mielke,“ meinte Harst nach kurzer Pause. „Ich werde Ihnen fünfhundert Mark schenken. Mit diesem werden Sie verreisen – noch heute. Haben Sie Verwandte auf dem Lande?“
„Einen Bruder, Herr Harst. Er ist Fischer in Woltersdorfer Schleuse …“
„Das trifft sich ja sehr gut … Sie fahren also dorthin. Aber nur Ihre Frau darf davon wissen. Für die Öffentlichkeit haben Sie angeblich auswärts Arbeit angenommen. Das schreiben Sie auch dem Doktor und entschuldigen sich bei ihm, wenn Sie vorläufig nicht zu ihm kämen. – Sie sind fraglos ein aufgeweckter Mensch, Mielke. Ich will ehrlich sein. Ich traue Halden nicht. Befolgen Sie meine Ratschläge, so werden Sie gesund werden. Ich bin überzeugt, daß Halden, sobald er Ihren Brief erhält, sogleich hier zu Ihrer Frau kommen