[11] „Und Sie glauben, daß er bisher nicht heimgekehrt ist, Herr Rehbein?“
„Nein. Ich hätte ihm ja die Haustür aufschließen müssen. Wir haben nur einen Hausschlüssel.“
Die zahme Dohle schlug mit den Flügeln und krächzte.
„Still, Peter!“ rief der Schuster ärgerlich. „Still, Du Racker. Dein Herr wird schon kommen!“
Und zu uns: „Peter ist Wogitsch’ Eigentum und seine einzige Freude. Sie sollen nur sehen, meine Herren, wie Peter sich freut, wenn Wogitsch ihn von hier abholt. Der Vogel hat wahrhaftig Menschenverstand.“
Rehbeins reiner Dialekt – er berlinerte nur ganz wenig – und seine gewandte Ausdrucksweise veranlaßten Harst zu der Frage, aus welcher Gegend der Schuster herstamme und ob er von jeher Schuhmacher gewesen.
Rehbein blickte vor sich hin und senkte etwas den Kopf. „Ich bin … ein Findling, Herr Harst,“ erwiderte er zögernd. „Ich wurde in Stettin in einem Hausflur als Säugling gefunden. Ich habe später das Gymnasium besucht. Aber meine Pflegeeltern konnten dann doch die Mittel nicht aufbringen, mich die Schule durchmachen zu lassen. Ich … ich ging zur See und wurde Matrose, lernte so nebenbei die Schuhmacherei …“
All das klang ganz so, als ob Rehbein vieles verschweigen wollte, was seine Vergangenheit betraf.
Die Dohle meldete sich abermals, und hierdurch wurde der Schuhmacher offenbar daran erinnert, daß sein Freund Wogitsch doch längst hätte heimgekehrt sein müssen.
„Wo er nur bleibt?!“ meinte er nachdenklich. „Wogitsch geht ja nie abends allein aus, nie, höchstens mit mir zusammen mal in ein Kino, wenn es ein Seestück gibt.“
„War er denn auch Matrose wie Sie, Herr Rehbein?“
„Ja …“ – Das klang wieder sehr, sehr zögernd.
Wir schwiegen eine Weile. Die Dohle bearbeitete ein Stück Pech mit dem Schnabel. Dann schlug die Kuckucksuhr in der Werkstatt halb elf – zwei Kuckucksrufe.